Jaja ich weiß, ich habe einen Chartreview vergessen bzw. schlichtweg nicht verfasst. Grund dafür ist - und ich hoffe dies reicht als Entschuldigung - dass ich mir ein paar Gedanken gemacht habe zum Bewerten von Musik: Wann ein Song schlecht ist, wann kommerziell usw. Ein paar dieser Gedanken habe ich nun niedergeschrieben und möchte sie euch vorstellen. Wer jetzt leichte Kost erwartet und schwarz-weiße Richtlinien, den muss ich enttäuschen, denn ansatzweise steckt ein bisschen Philosophie und Soziologie in meinen Überlegungen. Dies ist also ein Sachtext, anders als die Chartreviews primär kein Unterhaltungstext. Bei ein paar Punkten bin ich mir noch nicht hundertprozentig sicher und so würde ich mich sehr über geistreiche Kommentare freuen, die mich bestätigen oder aber auch von einer anderen Meinung überzeugen.

Es gibt nicht DIE EINE Musik, nur die EINE EIGENE!

Musik. Zeit unseres Lebens hat sie uns begeistert. Sie lässt einen in andere Welten eintauchen, fördert Emotionen und Erinnerungen zu Tage, hebt die Stimmung und macht damit vor allem Spaß. Es spielt keine Rolle, wie andere ein Musikstück bewerten, ausschlaggebend ist nur der eigene Geschmack und wenn dieser sagt “Ich mag das Stück“, dann kann man alle Rezensionen und Kritiken vergessen. In diesem Zusammenhang sind Äußerungen wie ”HipHop ist schlecht!” schlichtweg falsch, da sie sich auf eine rein subjektive Erkenntnis stützen. Redet man in gesellschaftlichen Zusammenhängen und kann nachweisen, dass ein Genre zum wirklichen Leidwesen anderer Menschen etwas beiträgt, also zum Beispiel Armut, darf man ein “ist” benutzen. “Ich finde HipHop schlecht!” ist da schon eine viel bessere Formulierung. Also bitte ein wenig mehr Toleranz bei Fragen zur Musik. Dies bedeutet jetzt nicht, dass man wie in obigem Beispiel pedantisch auf jede Formulierung achtet, sondern einfach den Geschmack des Anderen akzeptiert.

Komplexität heißt nicht Schönheit, Komplexität kann für Einzigartigkeit stehen

Hat der Schwierigkeitsgrad und die Komplexität eines Stückes etwas mit seiner Schönheit zu tun?
Nein, denn er gibt keinerlei Aufschluss über Schönheit. Es gibt Musiker, die sich in Solos überschlagen, Tonleitern, Skalen quer Beet benutzen. Für einige Zuhörer ist dies bloßer abgedroschener Technikwahn für andere die musikalische Formvollendung schlechthin. Der Schwierigkeitsgrad sichert in gewisser Weise jedoch die Einzigartigkeit eines Musikstücks, da es schwerer ist, ein solches zu kopieren. Ob das, was dabei als Werk entsteht, schön ist, muss jeder wieder für sich entscheiden.

Was macht einen großen Künstler aus?

Damit ich jemanden einen großen Künstler nenne, muss seine Musik ein Element enthalten, welches einzigartig ist und zwar in so einer Weise, dass es nur sehr schwer mit Elementen anderer Künstlern zu vergleichen ist. Oft kann es sogar Denkanstöße mit sich bringen und so indirekt einen Beitrag leisten, neue Musikrichtungen zu bilden. Dieses Element dominiert den sogenannten Stil. Man sagt ja so schön: “Diese Band muss noch ihren eigenen Stil finden”. Unter Stil darf man nicht die einfache Aufteilung in Obergruppen wie Rock, Pop, Dance usw. verstehen, denn der eigene Stil ist viel filigraner. Er kann in vielen Elementen begründet sein, oft ist es die Stimme, dann die einzelne Spielweise der Musiker, dann das Zusammenspiel der Band. Jedoch muss auch hier jeder selbst entscheiden, wann er einen Stil einzigartig findet und wann er einen Musiker für eine bloße Kopie eines anderen Musikers hält.
Der Stil ist für mich aber nicht alles, was einen großen Künstler ausmacht, denn mit einem sehr schlechten Stil kann man auch einzigartig sein. Wichtig ist demnach auch eine gewisse Popularität und vor allem das Ansehen, welches der Künstler unter seinen Kollegen geniest. Popularität und Ansehen kann man im mathematischen Sinne als Grad der Schönheit der Musik verstehen. Je mehr Leute die Musik als schön bezeichnen, um so wahrscheinlicher ist es, dass sie es tatsächlich ist. Aber trotz allem ist das Empfinden der Schönheit nichts, was man verallgemeinern sollte, jeder muss selber entscheiden, wann er etwas als schön bezeichnet. Vergessen sollte man auch nicht, dass Popularität nicht nur von der Musik abhängt, sonder auch vom Image.

Von reiner Musik und dem Image

Das Image ist in der heutigen Zeit unglaublich wichtig, um Musik erfolgreich zu verkaufen. Doch was ist das Image? Woraus besteht es? Grundsätzlich besteht es aus einer auditiven Komponente, also der Musik bzw. ihrem Charakter, einem visuellen Element, das Erscheinungsbild des Künstlers, seine Posen, seine Show, und einer inhaltlichen Komponente, wobei man diese wiederum in zwei Kategorien einteilen kann, nämlich den Songtext und sonstige Äußerungen des Künstlers zum Beispiel in Interviews. Vermischt man nun alle drei Eindrücke, erhält man das Image.
Aber auch beim Image läst sich feststellen, dass seine Rezeption ganz unterschiedlich ausfällt. Der eine Rezipient achtet mehr auf die Musik, der andere mehr auf das Visuelle, der nächste mehr auf Inhalte. Spiele man dies auf die Spitze, könnte man schon fast sagen, der musikalisch Unbegabte befasse sich mehr mit dem Visuellen als der Musik. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es Menschen gibt, die sich dem Jazz und der klassischen Musik vor allem verbunden fühlen, weil sie den elitären und intellektuellen Flair dieser Genres schätzen und nicht weil sie ein großes Verständnis von Kompositionen hätten. Gleiches gilt auch umgekehrt. Warum ist HipHop allgemein in den unteren Schichten unserer Gesellschaft so beliebt? Blues funktioniert auch nach einem einfachen, sich wiederholendem Muster, genauso wie HipHop. Blues ist im Ursprung die Musik der amerikanischen Sklaven, also, wenn auch aufgezwungen, der damaligen gesellschaftliche Unterschicht, der Bildung versagt blieb. Heute ist Blues vor allem in bürgerlichen Schichten beliebt. Anhand dieser Beispiele wird deutlich, welche Rolle das Image spielt und wie stark der auditive also musische Anteil am Image in den Hintergrund treten kann.
In einem Gedankenexperiment könnte man jetzt mehreren Kandidaten mit verschiedenen Bildungshintergründen Werke verschiedener Musikrichtungen vorspielen. Alle Kandidaten dürften jedoch keinerlei Ahnung von Musik, ja fast noch nie in ihrem Leben Musik gehört haben. Ich wäre gespannt, wer wo seine Prioritäten setzen würde.
Wie gesagt, das Ganze ist ein Gedankenexperiment und auch fraglich, da sich Musikgeschmack meist über eine lange Zeit bildet.
Mein Wunsch ist es nun, dass die auditive Komponente des Images, also die Musik selbst, wieder stärker in den Vordergrund rückt, denn gerade in der heutigen Zeit, durch multimediale Quellen wie Fernsehen und vor allem das Internet, ist es möglich die Musik gerade mit dem Platz einnehmenden, visuellen Element zu koppeln und damit aufzuwerten. Dass dieser Wunsch realitätsfern ist, dessen bin ich mir bewusst.
Mann muss feststellen, betrachtet man die Charts, dass sich vor allem die Images durchsetzten, die am aggressivsten vorgehen: Schrille Klamotten, Gangsterstyle, Protzerei und natürlich Sexualität.
Auf der Strecke bleibt oft, wer ein moderates Image hat.
Mir erschließt sich somit all zu oft der Eindruck, dass das aggressive Image über schlechte Musik hinwegtäuscht und dass wirklich gute Musik dagegen nicht ankommen kann, da sie mehr Wert auf die Musik an sich, als auf Visualität und skandalöse Presseauftritte legt.
Aber damit sind wir wieder am Anfang angekommen. Was ist denn nun qualitative, schöne bzw. gute Musik? Wie gesagt, Geschmacksfrage!

Was ich befürworte, kritisiere und verurteile

Meine Meinung steht, ganz meines Wunsches entsprechend, fest: Je stärker ich den Eindruck habe, dass die Musik im Wesentlichen am Erfolg eines Songs Teil hat, um so stärker befürworte ich sie.
Enttäuscht zeige ich mich dagegen von Musik, die den Anschein erweckt, dass sie passend zu einer Modeerscheinung entsteht und all zu oft nach dem selben Prinzip funktioniert. Eine Musik, die in hohem Maße nicht des künstlerischen Ansatzes, sondern des Geldes wegen im wahrsten Sinne des Wortes produziert wird. Dies ist kommerzielle Musik. Wo aber die Grenze zwischen kommerzieller Musik und Kunst, die ja ebenfalls verkauft wird, verläuft, ist wieder ein Meinung, die sich jeder selbst erschließen muss. Jedoch fällt hier eine Diskussion leichter, da sich Argumente auf die Songstruktur stützen lassen. Ganz nach dem Kriterium, was einen großen Künstler ausmacht: Je einzigartiger die Musik, um so unkommerzieller ist sie, da sie sich nicht nach einem schon vorhandenen, beliebten Prinzip richtet, das schnell von der Masse wieder angenommen wird.
Erwische ich einen “Künstler“, der ein moralisch und ethisch verwerfliches Image hat, so verurteile ich ihn ohne jeden Zweifel, denn hier geht es nicht um Geschmack, sondern um Ethik und damit gesellschaftliche Werte. Rechtsrock wäre hier ein Beispiel. Wann diese Werte jedoch verletzt werden, ist schon fast wieder eine juristische Frage, die eng mit dem Thema der Zensur zusammen hängt.
Zu guter Letzt aber wie immer der Leitsatz: Musikgeschmack ist subjektiv. Gefällt mir ein Song, dann kann er so kommerziell sein wie er will, dann bringt mir auch meine ganze Theorie nichts, Regeln und Gesetze mögen das Handeln der äußeren Welt beschneiden, aber sie können einem nicht die eigene, innere Gefühlswelt vorschreiben!

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