Matzes Chartreview #4: T.I. - Dead and Gone
Kolumne |
11. Mai 2009 16:22 Uhr |
Matze |

Diese Woche widme ich mich dem Hip-Hop-Genre mit T.I., der mit der Single “Dead and Gone” momentan auf Platz Acht der deutschen Singlecharts liegt. Durch die Verstärkung Justin Timberlakes wird jedoch der reine Hip-Hop unterbrochen und Pop-Elemente halten Einzug - warum nicht, die Masse mag ’s! Noch ein kleiner Hinweis bevor es losgeht: wenn du ein Bushido-, Sido- oder Aggro Berlin-Fan bist, solltest du hier nicht mehr weiterlesen - ich verliere nämlich zwischenzeitlich sowohl den Faden als auch die Kontenance.
Ganz zu Anfang möchte ich mich bei T.I. bedanken, dass er sich in diesem Song gegen die Thematik von Ärschen, Autos und Schotter entschieden hat, die gefühlte fünfzig Prozent aller Hip-Hop-Songs ausmachen. Natürlich schreit jetzt ein Großteil der Hip-Hop-Szene auf, dass dem jawohl nicht so wäre. Sicherlich, aber ich rede hier momentan von den kommerziellen Charts. Warum schafft es T.I. aber dann mit dem auch sehr beliebten, aber durchaus ernst zu nehmenden Thema der Vergangenheitsbewältigung als Gangster, so weit oben in den Charts zu landen? Ganz einfach, er hat sich Unterstützung geholt von unserem Chartdauergast Justin Timberlake, der wirklich mit jedem musikalisch in die Kiste zu hüpfen scheint. Das Ergebnis lässt sich jedoch sehen, denn das Produkt kommt fast immer ganz oben in den Charts, egal ob nun mit Madonna, Nelly Furtado und Timbaland, den Black Eyed Peas oder auch unserem halben Dollar. Kommerziell gesehen hat es unser Justin echt drauf. Seine vergleichsweise hohe Stimme und sein sorgfältig gepflegtes Image als modischer Womenizer, kann das Publikum allem Anschein nach schwer widerstehen. Auch gelingt es ihm (?!) immer wieder eingängige Melodien zu finden für seine Refrains. Und so ist es auch bei “Dead and Gone” der Fall. Hier unterbricht er mit seinem Gesang die auf Dauer musikalisch langweiligen Rap-Sequenzen.
So, jetzt aber mal zurück zu unserem T. I., schließlich ist er der Hauptkünstler dieses Songs. Im Gegensatz zu deutschen Hip-Hopern à la Bushido und Sido, die mit ihren Texten das gesamte Land konsequent durchgefoltert haben, abgesehen von ein paar Musikmasochisten, die auf so einen Schrott stehen und per Prollo-Handy in Bus, Bahn und an sonstigen öffentlichen Orten mit penetranter, permanenter Dauerbeschallung ihren Teil zum Missbrauch deutscher Gehörgänge und Gehirnsynapsen beigetragen und damit die nächste Generation des Ruhestörungsfundamentalismus eingeleitet haben! Riesen Sauerei!…So, wo war ich jetzt? Hier kriegt man ja noch einen Herzkasper!
Jedenfalls hat T.I., oder besser Clifford Joseph Harris junior, im Gegensatz zu besagten deutschen Rap-Anarchisten das Recht, über harte Verhältnisse und Gettos zu rapen, da er sie selber durchlebt hat. Noch als Kind brachte er mit Drogendeals und anderen zwiespältigen Geschäften seine Familie über die Runden und wurde erst im März zu einem Jahr Freiheitsentzug verurteilt. Umso besser passt da ja jetzt sein aktueller Song, der von Läuterung und der Abkehr vom alten Leben handelt. Mit Glück verhilft ihm das sogar zu einer frühzeitigen Entlassung wegen guter Chartplatzierung.
Dass man Sounds “aus der Dose” bekommt, ist halb so wild, da sie nicht zu stark in den Vordergrund treten und, das muss man anerkennen, meistens auch zum Hip-Hop einfach dazugehören. Was ich recht angenehm finde, ist, dass die Grundmelodie sich auf Klavier stützt und man auch ein paar Streicher im Song wiederfindet. Zusammen verleihen beide dem Text zu mehr Gewicht. Vor allem das Klavier mit klaren, einzelnen Tönen vermittelt eine leicht melancholische aber auch ernsthafte und gefasste Stimmung. Durch Chor und Pauke am Ende des Songs gewinnt das Ganze dann noch an epischem Charakter. Dazu noch ein paar Texteinblendungen im Video wie “good”, “evil” und “redemption”, was in diesem Zusammenhang wohl soviel heißt wie Erlösung und das Bild des bekehrten Clifford Joseph Harris junior ist komplett. Allgemein trägt das Video in dieser Passage sehr dick auf. Neben mehrfachen Einblendung göttlicher Zeichen, strahlendem Licht, Stacheldraht und Schlange, verschränkt T.I. seine Hände ähnlich eines Engels vor der Brust und senkt demütig den Kopf. Naja, ich hoffe der Richter lässt sich nicht zu stark davon blenden, wenn es um eine frühzeitige Haftentlassung geht.
Alles in allem kein schlechter Song, aber auch nichts, was man sich groß einrahmen sollte, schließlich wird hier ein ernstes Thema in gewisser Weise auch wieder für kommerzielle Zwecke genutzt, was man nicht zuletzt daran erkennt, dass unser Justin ernsthaft mit dem Kopf nickt und ein Thema besingt, von dem er absolut keine Checkung hat. Wer mehr von solcher Musik möchte, dem empfehle ich Coolio mit “Gangsters Paradise”. Ein Song der “Dead and Gone” sicherlich Pate stand und meiner Meinung nach zu der Thematik auch unübertroffen ist. Wer spaß hat an Politik und Imitation, sollte sich mal das “Obama-Cover” vor allem angucken.
Musikvideo: T.I. feat. Justin Timberlake - Dead and Gone




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